Die Umgebung der Gänsweide

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Kategorie: HISTORIC
Erstellt am Dienstag, 24. Januar 2012 23:45
Zuletzt aktualisiert am Dienstag, 24. Januar 2012 23:45
Geschrieben von J. Riedinger
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Die Umgebung der "Gänsweide" und ihre Geschichte

 

Die Gänsweide, die früher dazu diente Gänse zu hüten, da viele Einwohner solche als Haustiere hatten,
lag historisch gesehen, in einem der ältesten Sulzfelder Siedlungsgebiete.
Nur fünfzig Meter östlich wurden aus dem 7. Jahrhundert fränkische Grabfelder von Josef Miksch gefunden.
Weiter Kohlbach abwärts, sind im 18. Jahrhundert warme Quellen entdeckt worden, welche wahrscheinlich
schon die Römer als Thermen benutzten. Heute noch werden in der Umgebung bei Grabungsarbeiten
Sandsteinplatten aus früheren Jahrhunderten zu Tage gefördert.
Die Sulzfelder Gänsweide wurde erst nach der Ablösung des Blutzehnten,
zu welchem die Gänse gehörten, 1838 eingerichtet.
Im Ortsplan von 1820 wird im Brückenbachbereich keine Gänsweide erwähnt. Warum wird aber in
diesem Plan der „Gänsberg“ genannt ?
Dazu folgendes:
Der Name „Gänsberg“ hat mit Gänsen überhaupt nichts zu tun; denn Gänse werden nie auf einem Berg,
sondern immer in Bachnähe gehalten.


Das Wort „Gäns" in Verbindung mit dem Gänsberg stammt aus den althochdeutschen Wörtern, wie „gän" was
zu Fuß gehen heißt, sowie „ufgän", was nach oben gehen heißt und „Zigän" was auf das Feld gehen heißt.
Also, ging man nach oben zum Feld auf den Gänsberg.
Die Gänsweide im Brückenbachbereich wurde etwa um 1838 von der Gemeinde unter Gottlieb Teutsch
als Bürgermeister eingerichtet.
Das Gelände wurde von den Grundherren der Göler von Ravensburg abgekauft.

Die folgenden Fotos stammen aus den Jahren zwischen 1950 und 1960, und wurden von
Manfred Himmel beschrieben.

 


 

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Foto Nr. 1

Das Foto von Helmut Dinkel „wo 18 Gänse auf der Gänsweide vor dem Abbruch zum Kohlbach herumwatscheln,
zeigt in der Mitte des Bildes den Abgrenzungszaun der Gänsweide, mit einem typischen Hühnerstall, welcher im
Garten von Herrmann Mehl (heute Wolf) steht.
Rechts unter dem Baum, kann man das Küchenfenster des Hauses vom Schullehrer Eugen Guggolz erkennen.
Auf diesem Foto und auf dem Foto Nr. 3 sieht man, dass Gänse in Gruppen leben.
Wenn Gänsen jemand wie hier der Fotograf Helmut Dinkel zu nahe kommt, schauen sie in seine Richtung.
Wenn Gänse nicht gerade fressen, stehen sie wie eine statische Skulptur auf ihren zwei Beinen und halten ihren
korpulenten Körper im Gleichgewicht. Wegen ihrem sehr guten Hörvermögen, werden sie sehr oft als Wachtiere gehalten.
Gänse sind Pflanzenfresser und Weidetiere, und suchen ihr Futter, wie hier in der Gänsweide, selbst.
Gänse können über 40 Jahre alt werden, und haben ihr Leben lang immer den gleichen Partner.
Auch können sie in starkem Maße trauern, wenn sie ihren Partner oder die Familie Z.B. als Martinsgans verlieren.
Diese Tatsachen verdanken wir dem Gänseforscher Konrad Lenz.

               

               Die Gänsweide 1952
Ansicht vom Kohlbach zum Kirchturm

 


 

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Foto Nr. 2

Dieses Foto von Hans Weiß zeigt im Vordergrund die Brücke am Bach, genannt: die Brückenbach.
Rechts vom Kirchturm sieht man das Haus von Herrmann Mehl (heute Wolf) In der Bildmitte wurde der Aushub vom gerade im Bau befindlichen Abwasserkanal der oberen Hauptstraße auf dieses vordere Gartengelände, wo heute das Alten- und Pflegeheim steht, gelagert.
Das Garten- und Gänsweidengelände gehörte damals zum so genannten Brückenbachbereich, welcher nach dieser Brücke am Bach so genannt wurde.
Diese Brücke war nur mit zwei großen Sandsteinplatten belegt, und befand sich kurz vor der Abbiegung zur Straße am Kohlbach, zwischen dem heutigen Mehrfamilienhaus mit Wäschetruhe und dem Geschäftshaus mit Ratsstüble und der Volksbank Kraichgau.
Der 5cm breite Spalt zwischen den beiden Platten der Brückenbach, wurde for viele Sulzfelder Radfahrer zum Verhängnis.
An diesem Brückenbachbereich begann bei der Jugend in den 50er Jahren der romantische Beginn eines Sonntagsspazierganges, durch den Bubenlauf zur Burg, wobei viele Beziehungen die heute noch Bestand haben, ihren Anfang nahmen.

       Die Brückenbach 1955 kurz vor der Verdolung

 


 

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Foto Nr. 3

Das querformatige Foto mit den 33 Gänsen wurde von der Mitte der Gänsweide Richtung dem heutigen Rathaus aufgenommen.
Im Hintergrund sieht man die fast zwei Meter hohe Sandsteinmauer, welche das Gänsweidengelände zum vorderen Gartengelände abtrennte.
Wenn die Mauer nicht so hoch gewesen wäre, hätten die Gänse sie wahrscheinlich überflogen und die Gärten kahl gefressen.
Der damalige Gänsehirte sitzt hier vor der Mauer und passt auf, dass ihm die Gänse nicht entwischen.
Die linke niedrigere Mauer lag schon auf der anderen Seite der Kohlbach, wo sich dahinter der Fußweg zur Mühlbacher Straße als
„Weigelsgässle“ bekannt, befand.
Diese niedrige Mauer war vor allem zum Schutz für die dahinter liegenden Gärten bei Hochwasser aufgebaut worden.

 

Die Gänsweide 1956 mit Gänsehirt und Trennmauer

 


 

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Foto Nr. 4

In der querformatigen Luftbildaufnahme von Hans Weiß sieht man im Vordergrund, rechts die hintere Scheune des
Gölerschen Rentamtes, mit ihren typischen Stufengiebel.
Direkt links des Kirchturms steht das Haus vom Lehrer Eugen Guggolz, rechts dahinter das Stromhäuschen.
Zwischen diesen beiden Gebäuden kam man zum Haupteingang der Gänsweide. In der Bildmitte sieht man die Mauer,
welche die Gänsweide und die vorderen Gärten abtrennte.
Das eigentliche Gänsweidengelände erstreckte sich entlang dieser Mauer bis zu der Baumgruppe am Kohlbach,
dem Kohlbach abwärts folgend, bis zum Schnittpunkt zum Stromhäuschen, und dann wieder nach rechts folgend bis
zu dem Strommast. Im Hintergrund sind die ersten Häuser der Gartenstraße, vorne mit dem Haus vom
Oel- Maier ( Robert Maier ). Ganz rechts oben steht das Haus von Wilhelm Krämer, wo man daneben noch den
Anfang vom Bubenlauf erkennen kann.
Rechts vom Bild sieht man die Gärten der Pfarrwiese, da wo heute das Rathaus, der Kindergarten, die Hauptschule
und die Ravensburghalle steht.
Weil sich hier am Anfang der heutigen Gartenstraße diese vielen Brückenbachgärten und am anderen Ende die
Baumgärten befanden, hat man diese Straße „Gartenstraße“ genannt.

 

      Die Umgebung der Gänsweide als Luftbild von 1958

 


 

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Es war immer ein interessantes Erlebnis wenn allmorgendlich die Gänsehirten mit unüberhörbarem schrillen Schallmeienruf
die Gänse durch die Sulzfelder Straße zur Gänsweide getrieben haben. Die Gänse vom mittleren und unteren Ortskem wurden
durch das Trinkgässchen zwischen dem ehemaligen Rathaus und dem Verwaltungsgebäude des Rentamtes getrieben.
Die Gänse vom Oberdorf wurden durch die ehemalige Sonnengasse, heute Gartenstraße entlang der unteren Rentamtmauer,
heute Bachstraße rechts um das Haus Hermann Mehl herum getrieben.
Danach verlief der Gänsetrieb rechts am Wohnhaus vom Schullehrer Eugen Guggolz vorbei, weiter rechts um das Stromhäuschen
herum und dann links durch den Haupteingang zur Gänsweide.
Die Gänse vom „Derfie" wurden allerdings durch den Gartenweg von der Mühlbacher Straße her, „Weigelsgässle“ genannt,
über eine hölzerne Kohlbachbrücke in die Gänsweide getrieben.
Am Abend brauchten die Gänsehirten nur die Tore zu öffnen, und die Gänse sind laut schnatternd in traumwandlerischer Sicherheit,
zum Teil im Tiefflug, ihren Heimatställen zugeeilt.

 

Bis 1955 war Heinrich Heß der Gänsehirte

Bis 1960 war seine Cousine Ottilie Heß Gänsehirtin

Bis 1965 war Berta Bopp die Gänsehirtin

 

 


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Nachdem 1965 die Gänse nicht mehr auf die Gänsweide getrieben wurden, liefen Kaufverhandlungen zwischen
der Gemeinde und den vielen Gartenbesitzern des vorderen Gänseweidenbereiches.
Als die Ankäufe der Gemeinde abgeschlossen waren, wurde 1968 der Architekt Helmut Klebsattel beauftragt
ein Feuerwehrgerätehaus auf das vordere Teil der Gänsweide zu planen.
1969 bekam dann die Arbeitsgemeinschaft Hagenbucher/Krüger/Schühle den Auftrag das Feuerwehrgerätehaus zu bauen.
Am 8. März 1969 war dann die Grundsteinlegung des neuen Feuerwehrgerätehauses, welches 23 Meter lang und 17,4 Meter
breit war.
2005 ist dann die Feuerwehr in ihr neues Domizil an der Ochsenburgerstraße gezogen.
Der Architekt Wolfram Pfaus bekam danach den Auftrag das Feuerwehrgerätehaus in ein Alten.- und Pflegeheim
umzubauen und dafür die Pläne auszuarbeiten.
Am 3.4.2006 bekam dann das Bauunternehmen Hagenbucher mit dem Inhaber Andreas Tritschler den Auftrag zum
Teilabriss übertragen. Der weitere Aufbau und der hintere Anbau auf das Gelände der ehemaligen Gänsweide  wurde
ebenfalls von diesem Bauunternehmen vorgenommen. Danach war das gesamte Alten- und Pflegeheim 31 Meter lang
und 11 Meter breit, und steht zu einem Drittel auf dem ehemaligen Gänsweidengelände.
Noch vor der Fertigstellung brauchte man einen Namen, welcher vorerst „Kelterhof“ genannt werden sollte, was aber
historisch und lagemäßig nicht begründet war, und deshalb auch wieder fallen gelassen wurde.
Der Sulzfelder Grundbuchbeamte Fritz Gegenheimer hat aus seinen Unterlagen entnommen, dass auf dem hinteren
Teil des Alten- und Pflegeheimes die Gänsweide  lag, und deshalb empfohlen hat das Altenheim
„Auf der Gänsweide“  zu nennen, was dann auch, wie bekannt, so geschah.

 

Manfred Himmel
im April 2011

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