Das Herz von Sulzfeld und die Dorftore

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Kategorie: HISTORIC
Erstellt am Dienstag, 24. Januar 2012 22:54
Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, 10. Oktober 2012 17:37
Geschrieben von J. Riedinger
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Vorwort und Quellenangaben

Ein Studium literarischer Quellen führte zu der Erkenntnis, dass die Erstbesiedlung von Sulzfeld,
das so genannte Herz von Sulzfeld und die Dorftore, einen Bericht wert sind. Eine Erstbesiedlung
wird fast immer als „Herz“ bezeichnet.

Dieses Herz von Sulzfeld musste wegen der ständigen Bedrohung durch Dorftore, Mauern, Wall- und
Schanzengräben abgesichert werden. Die Gestalt der Sulzfelder Dorftore wurde aus den Beschreibungen
der Eppinger, der Gochsheimer, der Brettener und der Heidelsheimer Tore entnommen und dem Stil der
Erbauungszeit angepasst.

Um das Herz und die Dorftore zeitlich beschreiben zu können, muss man in die Vergangenheit zurückgreifen.
Diese Ursprungsgeschichte von Sulzfeld wird aber hier nur in Kurzform angeschnitten.

Dazu muss man wissen, dass in Sulzfeld die Göler von Ravensburg und ihre herrschaftlichen Vorgänger
die Besiedlung durch ihre Baulichkeiten beherrschten.

Alle Daten und Fakten über das Herz von Sulzfeld und der Dorftore wurden sinngemäß aus folgenden
Quellen in konzentrierter Textform entnommen:

„Sulzfeld und Ravensburg“ von Theodor Pfefferle, worin er auf Seite 55 die Dorftore beschreibt

„Sulzfeld – von Bauern, Steinhauern und Edelleuten“ von B. Breitschopf und       K. Hochstuhl

„Sulzfeld im Wandel der Zeiten“ von Karl Tubach

„Der Kraichgau und seine Orte“ von Leopold Feigenbutz

„Die Göler von Ravensburg“ von Ravan und Dieter Göler von Ravensburg

„Das Deutsche Dorf“ von Heinrich Rebensburg

Sulzfeld im Dezember 2010        Manfred Himmel

 


Plan-Erklärung:

Zur besseren Übersicht ist der Plan nicht – wie sonst üblich – Richtung Norden,
sondern von Ost nach West ausgerichtet. Die Dorftore sind in symbolischer Form
dargestellt. Die Straßen, die Gebäude, die Plätze und die Richtungen wurden in
geraden Linien von Manfred Himmel gezeichnet.


 

Das Herz von Sulzfeld und die Dorftore


Nach den fränkischen Gräberfunden am Bubenlauf zu urteilen, muss das Herz von Sulzfeld ca. 650 n. Chr.
von fränkischen Freibauern zusammen mit der damals gerade entstehenden ansässigen Oberschicht angelegt
worden sein. Aus dem ungeschützten ur-sulzfelder „Solisfeldia“-Weilergassengebiet übersiedelten dann nach
und nach die Halbfreien, die Unfreien und die Handwerker in das Herz von Sulzfeld.

„Solisfeldia“, d. h. Sonnenfeld, wurde das Dorf von der römischen Besatzungsmacht genannt, weil im gesamten
Sulzfelder Gebiet die Sonne in jede Ritze der Felder hinein scheint. Die Römer nannten die von ihnen gebaute
Seemühle „Wilremühle“, was „Mühle am Weiler“ bedeutet.

Südlich dieser Wilremühle am Gollerbach (heute Kohlbach) muss ein Abkömmling des Römers Ravainiam,
der als erster auf dem Ravensburghügel ein Schloss baute, sein Zuhause als Fischer gehabt haben.

Er nannte sich Fischer Ravan vom Gollerbach. Von ihm haben dann später die Göler von Ravensburg
wahrscheinlich ihren Namen abgeleitet. Dieser Fischer Ravan vom Gollerbach gehörte durch seine
Abstammung schon damals zur Oberschicht.

Eine Nachfahrin von ihm heiratete möglicherweise einen fränkischen Freibauer, der auf dem Platz des heutigen
Amalienhofes seinen Bauernhof hatte. Aus dieser Familie entstand die damals herrschende Oberschicht.

Später verlegte die Oberschicht aus Sicherheitsgründen ihren Sitz auf das Gelände der späteren Tiefburg,
dem heutigen Rentamt.

Das weltgestalterische Organisationstalent dieser fränkischen Oberschicht hatte dann Sulzfeld mit einer
Siedlungsachse parallel zum Gollerbach aus Sicherheitsgründen mit genügend Abstand zum vorherrschenden
Sumpfgebiet angelegt.

Dieses Sumpf- und Quellgebiet im Bereich des heutigen Rathauses und des Alters- und Pflegeheims
„Auf der Gänsweide“ wurde von ihnen „Suhl“ genannt. „Suhl“ ist das altdeutsche, ur-fränkische Wort für Sumpf.
Deshalb ist anzunehmen, dass die erste Silbe des Ortsnamens Sulzfeld aus dem Wort „Suhl“ entstanden ist.

Es muss noch erwähnt werden, dass die Tiefburgbewohner – genau wie die Römer – ihre heilenden Bäder
in den warmen Quellen nahmen.

Die aus den freien Bauern und dem herrschenden Adelsgeschlecht hervorgegangenen Großgrundbesitzer
bauten im 8. Jahrhundert unter der Obhut des herrschenden Gaugrafen Wolfram die Tiefburg in ihren
Grundzügen auf. Im 9. Jahrhundert wurde dann die Tiefburg vom Gaugrafengeschlecht derer von Oetingen
zu einer Wasserburg umgebaut.

Der Wassergraben dazu wurde dem Gefälle entsprechend durch einen Kanalabzweig des Lohnbachs mit Wasser versorgt,
denn die Lohnbach führte damals fast so viel Wasser wie die Kohlbach. Der Einlauf in den Wasserburggraben wurde durch
ein Deichel-Rohrsystem unter der Hauptstraße hindurch beim späteren Südtor vorgenommen. Bei den Kanalarbeiten für
die Wasserversorgung von Sulzfeld wurden 1928 genau an dieser Stelle Reste eines Knübeldammgeflechts gefunden,
das als Wasserführung zum Wasserburggraben verwendet wurde.

Auch hat man im Bereich der Tiefburg beim Abwasserkanalbau 1950 verschiedene Bauwerksreste wie Balken,
Stützen und Verstrebungen gefunden.

Diese Grabungsfunden beweisen, dass das heutige Rentamtgebäude zu diesen Zeiten eine mit Wassergraben
umgebene, bewohnte Tiefburg gewesen ist. Der damals vorherrschende kriegerische Geist verlangte, dass
Sulzfeld wohnsicher und abwehrfähig sein musste. Deshalb wurde die Tiefburg am südlichen Dorfeingang
so angelegt, dass diese wie ein Bollwerk durch hohe Mauern und Schießscharten festungsartig wirkte.

Am nördlichen Dorfeingang war das alte, untere Schloss mit hohen Mauern entlang der Königstraße abgesichert.

Auf der westlichen Seite – entlang der Süd-Nord verlaufenden Hauptstraße – wurden die Bauern- und Bürgerhäuser
so eng aneinander gebaut, dass diese fast wie eine Ummauerung wirkten. Die Herrschaften konnten in ihre
Tiefburg nur von der abgesicherten Hauptstraßenseite durch das Tor, vorbei an einem Torwärter, hineingelangen.

Vor dem östlichen Dorfeingang war vor allem das Sumpfgebiet entlang dem Gollerbach ein natürlicher Schutz,
trotzdem wurde das klassische Osttor zusätzlich erbaut.

Als die herrschenden Grafen von Oetingen im 8. Jahrhundert feststellten, dass die Bevölkerung sich nach und
nach vom Heidentum abwandte und sich dem Christentum zuwandte wurde mitten im abgesicherten Herzen
von Sulzfeld die erste Holzkirche auf den heutigen Kirchenplatz gebaut.

Die Baumeister der drei Sulzfelder Dorftore waren technisch begabt, voller Kraft um gute Konstruktionen bemüht
und besaßen ein Gefühl für Stil, das seither nicht wieder erreicht wurde. Dies beweisen die nachfolgenden
Beschreibungen und Skizzen, auf denen eine Harmonie zwischen benachbarten Gebäuden erkennbar ist.


Das romanische Südtor

Beim Bau dieses ältesten Sulzfelder Dorftores wurde von den Baumeistern der römisch-romanische Stil
als Vorbild herangezogen. Der Florentinische Rundbogen mit den beiden Stützpfeilern wurde in Sandstein
als vorgefertigte Werksteinquader mit 5 mm breiten V-Fugen verlegt.

Die beiden unteren Werksteinquadersteine sind 6 cm breiter mit zum Boden hin schräg verlaufenden
Endungen eingesetzt worden.

An diesen hervorstehenden Sockelsteinen sind die Eisenräder der Fuhrwerke abgerutscht, damit diese
nicht das geöffnete Holzflügeltor beschädigen konnten.
Das mit Mönch- und Nonnenziegeln gedeckte Satteldach überdeckte die komplette, 1 m tiefe Toranlage.

Rechts war das Tor an die hohe Sicherheitsmauer der Tiefburg angebaut. Links stand das Torwärterhaus
als fortlaufende Wehrmauer.

Auf dieser Südtor-Skizze wartet gerade die herrschaftliche Familie in einer Chaise sitzend, dass der Torwärter
das schwere Holzflügeltor in seiner ganzen Breite öffnet. Der Kirchturm wird in seiner heutigen Form gezeigt.
Damals war der Turm aus Holz und reichte gerade 1 m über das Südtor hinweg.

Dieses Tor ist im 18. Jahrhundert in sich zusammengefallen und wurde beim Bau
des Gasthauses zur Sonne abgetragen.

 

Das klassische Osttor

Das als letztes erbaute klassische Osttor wurde zwischen die schon vorhandenen
Fachwerk-Bürgerhäuser harmonisch eingefügt. Der kubische Baukörper mit seinen
klaren Gliederungen wurde in einer Holzständer-Konstruktion erbaut.

Der klassische Stil ist dadurch vorbildhaft in maßlicher Vollendung dargestellt worden.

Das Dach des Tores war ein querstehendes, biberschwanz gedecktes Satteldach. Es hatte keinen Zwischenboden,
deshalb war es bis zu den Dachsparren offen. Weil auch das Flügeltor oben 50 cm offen war, konnten die Spatzen,
die Tauben und im Sommer die Schwalben darunter ihre Nester bauen.

Dieses klassische Osttor wurde bei einem verheerenden Dorfbrand im 18. Jahrhundert zusammen mit den rechts
und links stehenden Fachwerkhäusern ein Raub der Flammen.

Jahre später, als sich die Besiedelung nach Osten ausbreitete, sind wieder Bürgerhäuser an diesem Osttorplatz erbaut
worden. Die heute dort stehenden Wohnhäuser sind alle erst im 20. Jahrhundert auf diese wiederum abgerissenen
Vorgängerbauten erbaut worden.


Das gotische Nordtor

Dieses nördliche Dorftor wurde im gotischen Stil erbaut. Die obere Bogenform entspricht einem
gedrückten Spitzbogen. Alle gotischen Bauwerke weisen diese Bogenform auf.

Normalerweise waren auf derartigen Toren Satteldächer mit wimpernartigen Ziergiebeln und oben mit einer
Kreuzblumenspitze angebracht. Die Sulzfelder hatten dazu kein Geld und verlegten einfach große, rechteckige
Sandsteinplatten oben auf.

Das Haus, das rechts direkt an das Tor angebaut war, gehörte zum äußeren Wehrteil. Der Verwalter
vom gegenüber stehenden alten Schloss wohnte darin. An den gotischen Fenstern und an den Gauben
ist zu erkennen, dass es zur selben Zeit erbaut wurde.

Links des Tores war eine 2 m hohe Bruchsteinmauer entlang der bogenförmig verlaufenden Königstraße bis zur
Hirschgasse, der heutigen Mühlbacher Straße, bei der Bäckerei Finck.

Diese Schutzmauer war die Eingrenzung des dahinter stehenden „alten adligen Freihauses“, das im Volksmund
das „alte untere Schloss“ genannt wurde. Dieses einfache, hausähnliche Schlossgebäude ist im 17. Jahrhundert
zerfallen und wurde abgerissen.

Nachdem Friedrich, der erste Göler von Ravensburg, auf die andere Hauptstraßenseite das „neue adlige Freihaus“,
im Volksmund genannt das „neue, untere Fritsche Schloss“ baute, legte er auf dem alten Schlossplatz einen Garten
mit Kapelle an und ließ das dabei hinderliche Nordtor abreißen.


 

Weitere Bebauung bis 1820

In dem unten aufgezeichneten Ortsplan von 1820 sind die Dorftore nicht mehr eingezeichnet, denn wie
schon berichtet, wurden sie im 18. Jahrhundert abgerissen, sind zusammengefallen oder wurden ein
Raub der Flammen. Wenn man aber genau hinschaut, kann man immer noch das Herz von Sulzfeld
und die damals benötigten Dorftor-Stellen ausfindig machen.

Die südliche Bebauung bis zum Amalienhof war die erste Erweiterung außerhalb der Dorftore, denn
die Untertanen der herrschaftlichen Göler mussten nahe bei ihren Schlössern wohnen.

Die westliche Bebauung entlang der Hinteren Gasse bis zur Mollengasse kam nur durch eine
Verlängerung in beide Richtungen des ursprünglichen Schanzenweges zustande, wie man unschwer
erkennen kann.

Die östliche Bebauung war wegen dem Hauptweg zur Burg, nach Eppingen zum Friedhof und nach
Mühlbach eine unabdingbare Folge.

Die nördliche Bebauung war die letzte Erweiterung, die sich hauptsächlich und automatisch durch
die Ausdehnung der Hauptstraße entwickelte.

Schlusswort

Mit dieser Nachforschungsarbeit wurde versucht, die Besiedelung von Sulzfeld aus dem
Dunkel der Vergangenheit herauszuholen, was auch mit ziemlicher Sicherheit gelungen ist.

Die Erstbesiedlung des Herzens von Sulzfeld und den dazu notwendigen Dorftoren wird
fast von niemandem bezweifelt.

Ich bin aber davon überzeugt, dass auch die wenigen Zweifler durch Nachschlagen
bei den angegebenen Quellen ihre Meinung ändern werden.

Die Konturen und die Skizzen der Dorftore wurden sehr sorgfältig nach diesen
Beschreibungen entworfen. Eine 100%ige Darstellungsklarheit kann aber daraus
nicht abgeleitet werden.

Trotzdem überwiegt bei uns allen die Freude über diese gelungene Arbeit.


Manfred Himmel

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